
Offene Plattformen für Virtuelle Forschungsumgebungen (VREs), Editoren für generische Arbeitsabläufe und die Zukunft der geisteswissenschaftlichen Forschung
Einer der vielversprechendsten Entwicklungen in den digitalen Geisteswissenschaften der letzten Jahre war die Einführung der VREs. In diesen Umgebungen könnten Geisteswissenschaftler die meisten oder gar alle ihrer Forschungsabläufe, von der Beantragung der Finanzmittel bis zur Veröffentlichung der Ergebnisse, durchführen. VREs stoßen in den Naturwissenschaften auf eine breite Akzeptanz. Dahingegen sind sie in den Geisteswissenschaften bisher sehr wenig verbreitet, wofür es mehrere Gründe gibt. Wir thematisieren hier jedoch nur das größte Problem aller gegenwärtigen geisteswissenschaftlichen VREs: der fehlende Zugang zu entsprechenden Analyse-Tools. Wir empfehlen daher die innovative Lösung in Form einer offenen VRE-Plattform und stellen generische Workflow-Editoren innerhalb solcher Umgebungen zur Diskussion. Anhand der offenen Workflow-Umgebung Taverna demonstrieren wir ein System, das wir im Göttingen Centre for Digital Humanities (GCDH) weiterentwickeln, um beste Kompatibilität mit weiteren offenen VRE-Plattformen zu ermöglichen. Das GCDH ist innerhalb des DARIAH-Projektverbundes maßgeblich an der Weiterentwicklung des VREs beteiligt. Das EU-Projekt DARIAH (Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities) entwickelt eine Forschungsdateninfrastruktur für Geistes- und Kulturwissenschaftler, innerhalb derer mehrere VREs implementiert und später nutzbar gemacht werden können. DARIAH wird in einem separaten Poster vorgestellt.
Geisteswissenschaftliche VREs waren in den letzten Jahren in erster Linie geschlossene Systeme, in denen alle Werkzeuge eigens für das spezifische VRE individuell konzipiert und programmiert wurden. Die Entwicklung der VREs geht aber in die Richtung offener Plattformen, die mit den externen Tools, die Wissenschaftler schon benutzen, interagieren können. Dabei ist die Zugänglichkeit der Tools nur der erste Schritt. Im nächsten Schritt geht es darum, es Wissenschaftlern zu ermöglichen, die entsprechenden Werkzeuge in komplexen wissenschaftlichen, sich wiederholenden Workflows zusammen zu bringen und zu speichern. Hier setzt der Workflow-Editor an. Beispielsweise wenn ein Wissenschaftler 50 gescannten Seiten hat, die er mit OCR erkennen möchte, in einem Dokument kombinieren möchte, dann tokenisieren und lemmatisieren möchte, muss er die einzelnen Schritten selber durchführen. Und was macht er, wenn er dies für 50 verschiedene Dokumente machen möchte? Und dann noch eine Ähnlichkeitsanalyse anhand dieser Dokumente durchführen will? Mit einem Workflow-Editor können all diese Prozesse in einem Arbeitsablauf zusammengebracht werden, die, einmal gespeichert, beliebig oft automatisiert ausgeführt werden können. Dieser Workflow kann auch noch kooperativ mit anderen Wissenschaftlern geteilt werden, die ihn benutzen, bzw. kritisch entwickeln und verbessern. Letzteres ist möglich, weil im Workflow-Ablauf die exakten Methoden und ihre Beziehung zueinander gespeichert werden, sodass andere ihn bewerten und sogar verändern können: Z.B. innerhalb der Ähnlichkeitsanalyse durch einen verbesserten Tokenisierungs- oder Lemmatisierungs-Algorithmus.
Das Einbetten eines generischen Workflow-Editors in eine offene VRE-Umgebung kann viel mehr als nur die Arbeit des einzelnen Wissenschaftlers verbessern. So wird im Forschungsgruppen-Verbund ermöglicht und sogar verlangt, ein Maß an Offenheit über die wissenschaftliche Prozesse und Entscheidungen, die sich hinter den Forschungsergebnissen verbergen, zu entwickeln, was bisher in den Geisteswissenschaften nur selten erwartet wurde oder gar möglich war. Dies ist der Hauptvorteil eines generischen Workflow-Editors. Er erlaubt bei jedem Schritt des wissenschaftlichen Prozesses eine kritische Prüfung und generiert eine Transparenz des Forschungsprozesses, was ein deutlicher Gewinn für die Wissenschaft als Ganzes ist.
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